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[Dies
ist ein Text,den Tom anlässlich der Produktion seiner neuen CD "
Denn du bist da " geschrieben hat.] 
Es ist
schon komisch, wie es einem so ergehen kann. Da lebe ich glücklich
und zufrieden in Nashville, Tennessee, nach so vielen Jahren in Berlin.
Ich lerne neue Songwriter und Musiker kennen, schreibe Songs und spiele
in den Clubs. Nicht umsonst nennt man diese Stadt "Music City".
Es ist fast ein ungeschriebenes
Gesetz in der Musikszene: Erfolg tritt bei denjenigen Projekten ein, denen
man am wenigsten Aufmerksamkeit schenkt, halt solche, die man fast vergessen
hat, während man sich auf andere, scheinbar wichtigere, konzentriert.
Ein typisches Beispiel:
Kurz vor meiner Abreise nach Nashville im Frühjahr 1997 bat mich
Birger Heymann , einen Song im Studio zu singen. Birger ist einer der
führenden deutschen Komponisten für Theater, Film und Fernsehen
("Linie Eins"), und ausserdem ein netter Kerl. Ich war froh
darüber, mit ihm zu arbeiten, aber etwas erstaunt, als er mir den
Text des Songs gab. Er war auf Deutsch.
Obwohl ich vorher
bereits für Hunderte von Produktionen Background auf Deutsch gesungen
hatte, hatte ich es bislang vermieden, meine Songs auf Deutsch zu singen.
Mein Ding war es, in Englisch, meiner Muttersprache, zu singen und englische
Texte zu schreiben.
Aber Birger gefiel
meine Stimme, und er bestand darauf , daß ich es versuchte. Was
ich dann auch tat, und es hörte sich gut an, und somit war jeder
zufrieden. Als ich Berlin Lebewohl sagte, um mich in die sonnigen Gefilde
von Nashville, Tennessee, USA, zu begeben, habe ich dann auch nicht weiter
darüber nachgedacht.
Bis mich Birger über
ein Jahr später in Nashville anrief. Der Song wurde als Titelmelodie
für eine TV-Serie benutzt, "Happy Birthday", die wöchentlich
zur Hauptsendezeit in der ARD ausgestrahlt wurde. Die Sendung war beliebt,
und entsprechend auch der Song, und deshalb wollte Birger ihn noch einmal
aufnehmen, diesmal als längere Version, die dann als Single veröffentlicht
werden sollte.
Ich konnte Birger
davon überzeugen, für die Produktion nach Nashville zu kommen.
Irgendwie ist diese kleine Stadt mit nur einer halben Million Seelen etwas
ganz Besonderes mit ihren großartigen Musikern, Studios, Toningenieuren,
etc., die alles erstklassig spielen und aufnehmen können, von Jazz
über Soul bis hin zu Rock und Country.
Ich buchte das Studio
und die Musiker, und Birger kam im Herbst '98. Nach einem Abendessen zwei
Tage vor Beginn der Aufnahmen spielte ich ihm einen Song vor, den ich
gerade geschrieben hatte. Ich hatte ihn für meine Tochter geschrieben,
die gerade zwei Jahre alt geworden war.
Kleine Rückblende:
Ich erinnere mich an den Moment, als sie geboren war und ich in diese
wunderschönen, klaren blauen Augen schaute. Von Rührung überwältigt,
dachte ich: Oh Mann, ich muss einfach ein Lied über sie schreiben!
üblicherweise sind Ereignisse wie die Geburt deines Kindes Rohmaterial
für Songs, und als Songwriter hast du dieses Bedürfnis, deine
Gefühle mit Musik und Worten auszudrücken.
An dem Tag, als Lynn
also zur Welt kam, fing ich damit an, ein paar Zeilen in mein Notizbuch
zu schreiben. Nach und nach fügte ich ein paar hinzu. Und dann war
sie eines Tages schon zwei Jahre alt, und ich dachte, Mensch, ich klemm'
mich besser mal dahinter und mach' den Song fertig!
In der Zwischenzeit
hatte ich all die Erfahrungen gemacht, die jeder frischgebackene Daddy
kennt - Zwei linke Hände haben beim Wechseln der Windel deines zappelnden
Babys und dieses unwiderstehliche Lächeln. Dies war der Ausgangspunkt
für den Text.
Ich spielte "My
Little One" Birger vor, und der Song gefiel ihm gut.
Da gäbe es nur
ein Problem, meinte er. Falls wir ihn wirklich für unser Projekt
benutzen wollten, müsste er auf Deutsch sein.
"Happy Birthday"
als einmalige Gelegenheit auf Deutsch zu singen, war eine Sache, aber
einen Song in dieser Sprache schreiben? Gut, ich hatte bereits viele Jahre
in Deutschland als Songwriter und Künstler verbracht, aber meine
Arbeit war immer in meiner Muttersprache gewesen. Einige Kollegen kamen
ausserdem zu mir und baten mich um Hilfe, was ihre Songtexte und englische
Aussprache betraf.
Viele dieser Liedertexte
waren wirklich schrecklich: Kinderreime, die einfach keinen Sinn machten.
Und dann noch mit diesem starken "teutonischen" Akzent gesungen!
Immer wieder habe
ich sie gefragt: Warum schreibst Du Deine Songs nicht in Deiner Muttersprache?
Ach, das hört sich nicht gut an, bekam ich als Antwort. Deutsch ist
die Sprache von Schiller und Goethe, nicht die des Rock'n' Rolls, Blues
oder Pop. Sie ist einfach unmusikalisch. Ausserdem gibt es da noch eine
andere Gefahr, fügten sie hinzu. Was passiert, wenn Du versuchst,
eine einfache Phrase zu schreiben, die ein schlichtes Gefühl beschreiben
soll? Zum Beispiel: Bob Dylan schrieb "I want you, I want you, I
want you so bad". Das hört sich dann so an: "Ich will Dich,
ich will Dich, ich will Dich so sehr." Und was haben wir hier?
Einen Schlager.
Folter, Elend., Knast
und Seuche.
= Schlager.
Für meine deutschen
Freunde der "In-Musikszene" war alles, was auch nur im Entferntesten
irgendetwas mit Schlager zu tun hatte, schlimmer als der Tod. Ein Bild
von Nino di Angelo klebte Anfang der Achtziger im Pissoir der Toilette
des Preussenton Studios in Berlin-Reinickendorf. Beim Pinkeln hast du
genau auf sein Gesicht gezielt. Das war die Art von Respekt, die einem
Schlagersänger entgegengebracht wurde.
Ich glaube, all das
hatte ich im Hinterkopf, als ich mich hinsetzte, um meinen ersten Songtext
auf Deutsch zu schreiben: die deutsche Version von "My Little One."
Na ja, dachte ich, Amerikaner sind ja eh bekannt für ihre tollkühne
Einstellung. So schwer kann das doch nicht sein!
Und im Nu war der
Text auch fertig (es half, daß ich den Titel auf Englisch ließ).
Heike Haddenbrock, eine Freundin von mir, überprüfte den Text
auf Fehler, und voila, vor mir lag das Endprodukt:
Auch im nächsten
Song, "Love is the Reason You are Here", geht es um meine Tochter.
Er hört sich folgendermassen an:
Nachdem ich nun zwei
Jahre in Nashville gelebt hatte, war es Zeit im Frühjahr '99 Berlin
zu besuchen. Wir schalteten eines Abends den Fernseher ein, und, nicht
zu glauben, zu sehen war Witta Pohl als mutige Hebamme in dieser ARD-Serie
"Happy Birthday". Die Titelmelodie, gesungen von meiner Wenigkeit,
lief im Hintergrund. Und mein Name wurde sogar beim Nachspann gezeigt.
Offensichtlich war die Serie ein grosser Erfolg, und der Titelsong mit
meiner Stimme - auf Deutsch - wurde jede Woche von Millionen von Fernsehzuschauern
gehört.
Die Plattenfirma,
die die Single herausgebracht hatte, bat darum, sich mehr Material anhören
zu können. Ich spielte ihnen "My Little One" und "Aus
Liebe bist Du hier", meine anderen beiden deutschen Songs, vor. Ihre
Reaktion war:
Wie wäre es mit
einem neuen Album für uns .....
Auf Deutsch?
Ein ganzes Album in
der deutschen Sprache. Oh Mann - auf was habe ich mich da eingelassen?
Melodien und Musik zu komponieren, fiel mir immer leicht, aber gute Texte
zu schreiben - das ist etwas ganz anderes. Selbst für einen guten
Text in Englisch (meiner Muttersprache), benötigt man viel künstlerisches
Geschick und Einfallsreichtum, und das kann Tage oder sogar Wochen dauern.
Und jetzt soll ich
ein ganzes Album schreiben - auf Deutsch?
Eine Zeit lang habe
ich gemeinsam mit Barbara Cloyd Texte geschrieben, sie ist eine der führenden
Songwriter in Nashville, die auch "I Guess You Should Have Been There"
für Lorrie Morgan geschrieben hat. Eines Tages spielte sie mir eine
sehr ansprechende Melodie vor, etwas, an dem sie gemeinsam mit Jon Robbin
gearbeitet hatte. Sofort hatte ich eine Idee für den Refrain:
"Es ist vergessen,
es ist vergeben, lass uns einfach weiterleben..."
Ich sagte so zu mir
selbst, daß dies sicherlich ein Gefühl sei, mit dem jeder etwas
anfangen kann.
Okay, also noch ein
deutsches Lied, "Es ist vergessen", das ich in meine Sammlung
aufnehmen kann. Es wurde mir jedoch schnell erschreckend klar, daß
es über meine Fähigkeiten ging, noch weitere sieben Lieder auf
Deutsch zu schreiben.
Dann traf meine gute
Freundin und Texterin Katy Ipu in Nashville ein. Welch ein Glück
- sie kam wegen des Country Music Fan Fairs hierher, der jedes Jahr im
Juni stattfindet. Ich schnappte sie mir auf dem Fan Fair, und wir verbrachten
eine Woche damit, wie wild Texte zu schreiben.
Ich bin damit großgeworden,
Rock, Blues, und Rock'n'Roll zu singen. Eines Tages fragte ich Katy, ob
es wohl überhaupt möglich sei, eine amerikanische Rock'n'Roll
Story in einen deutschen Song einzubauen - zum Beispiel eine Frau im roten
Kleid, ein Auto, ein Sechserpack Bier, halt diese Art von Geschichte.
Wie Bob Seger oder Chuck Berry ("Oh Maybelline, why 'cain't' you
be true ...) es singen würden.
Ich liebe die Art,
wie Katy sagt: "Klar, kein Problem." Den Titel hatte ich bereits
schon: "Nun fängt das wieder an." Gemeinsam schrieben wir
den Song schnell fertig.
Der erste Song des
Albums, "Denn Du bist da", entstand auf ganz ungewöhnliche
Art: Ich träumte darüber.
Es heisst, daß
der grosse klassische Komponist Georg Friedrich Händel eines Nachts
einschlief und bis ins letzte Detail den ersten Satz seiner berühmten
Wassermusik träumte. Nachdem er aufgewacht war, schrieb er ihn einfach
auf, und sein Werk war vollendet (Diese Geschichte hat mich schon immer
beeindruckt. Hierum geht es auch in meinem Song "I Do My Best Work
In My Sleep" meines letzten Albums "... a little time".)
Eines Morgens wachte
ich in Nashville schweissgebadet um 5 Uhr auf. Ich hatte geträumt,
dass ich einen Song singen würde, während ich mit 4 oder 5 anderen
Leuten in einem weissen Zimmer sässe und auf der Gitarre spielte.
Ich schaffte es so gerade noch, den Refrain auf Kassette aufzunehmen,
an deren Worte und Melodie ich mich noch gut erinnern konnte, dann schlief
ich sofort wieder ein.
I can't eat, I can't
sleep
'Cause into my dreams
you'll creep
I guess I'm in too
deep, it must be love.
Ich habe den Song
den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf bekommen, und noch Tage später
beschäftigte er mich. Zunächst war ich davon überzeugt
gewesen, ihn schon mal irgendwo gehört zu haben, und daß er
mir im Traum einfach wieder eingefallen war. Ich sprach mit vielen Freunden
darüber, und einige durchsuchten das Internet, aber, obwohl es viele
"It Must Be Love"-Songs gab, konnte keiner einen anderen Song
finden, der auch nur andeutungsweise meinem ähnelte.
Also war es wohl mein
Original. Vielleicht stimmt es ja: I do do my best work in my sleep!
Welch ein Omen. Ich
hatte den ersten Song meines neuen Albums geträumt.
Ich gab den Text und
die Melodie an Katy weiter, die zu dem Zeitpunkt bereits wieder auf ihrem
Weg zurück nach Berlin war. Einige Tage später kam der fertige
Text per E-mail bei mir an: "Denn Du bist da". Der perfekte
Anfang für das neue Album.
Viel Spass mit dem
neuen Album und alles Gute,
Tom
zum
Anfang
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